Nicht jeder Tag braucht dieselbe Praxis
Als es damals in der Yogalehrerausbildung hieß, wir sollten für unsere Stunden einen wiederkehrenden Fokus finden, war für mich sofort klar, dass ich mit dem Mond arbeiten möchte.
Ich hatte mich damals sowieso schon mit dem Mondkalender beschäftigt und irgendwie hat sofort alles Sinn ergeben.
Der Mondzyklus wiederholt sich. Er verändert sich ständig und bleibt trotzdem verlässlich. Genau das wollte ich auch für meinen Unterricht.
Und tatsächlich hat sich dieser Rhythmus über all die Jahre unglaublich bewährt. Seit mittlerweile fast 15 Jahren fließt er durch meinen Unterricht und hat sich immer weiterentwickelt. Für mich als Lehrerin war und ist er ein wunderbarer Ausgangspunkt, um Stunden zusammenzustellen, nicht nur für Asana, sondern auch für Pranayama, Meditation, innere Arbeit oder Ernährung.
Trotzdem habe ich als Frau und Mensch immer wieder gemerkt, dass ich manchmal etwas ganz anderes brauche als das, was gerade „dran“ wäre.
Und genau darum geht es für mich heute.
Der Mondkalender ist für mich eine Orientierung, er war nie eine starre Vorgabe.
Wichtig ist zu verstehen, dass wir Energien nicht einfach nur „mitmachen“ müssen.
Wir können sie verstärken oder ausgleichen. Manchmal tut Aktivierung gut und manchmal eben Beruhigung.
Was mich bis heute fasziniert:
Der Mondzyklus ähnelt dem weiblichen Zyklus unglaublich stark. Beide dauern ca. 4 Wochen und beide bestehen aus vier Phasen, in denen sich Energien, Bedürfnisse und Wahrnehmung verändern.
Der Mond erinnert mich immer wieder daran, dass wir Teil der Natur sind. Gerade wir Frauen funktionieren zyklisch. Vor dem Eisprung braucht es oft etwas anderes als danach und während der Blutung sowieso.
Irgendwann habe ich aufgehört, meinen Körper dafür zu verurteilen, dass er nicht dauerhaft leistungsfähig ist, nicht jeden Tag gleich funktioniert, nicht jeden Tag Krafttraining, Power-Yoga oder Höchstleistung möchte.
Ich habe verstanden, dass mein Körper nicht solar funktioniert, nicht streng nach Uhrzeit, Produktivität und Dauerspannung, nicht männlich, sondern lunar, weiblich.
Und natürlich glaube ich nicht daran, dass der Mond unser Leben magisch steuert. Er zeigt uns bestimmte Energien auf. Und ich sehe, dass viele Frauen komplett verlernt haben, ihre eigenen Rhythmen wahrzunehmen.
Ich sehe Frauen, die nachts nicht schlafen können, die ständig angespannt sind, die sich von der Pubertät bis zu den Wechseljahren fremd fühlen, die denken, mit ihnen stimmt etwas nicht.
Dabei leben viele seit Jahrzehnten einfach nur gegen ihren eigenen Rhythmus.
Und irgendwann meldet sich der Körper.
Ich glaube, viele Frauen fühlen sich falsch, weil sie sich selbst kaum noch hören.
Meine eigene Praxis wurde erst wirklich tief und regelmäßig, als sie stiller wurde.
Manchmal waren es Atemübungen während des Stillens, manchmal einfach nur kurz im Hier und Jetzt ankommen, Achtsamkeit praktizieren, weil gerade nicht mehr möglich war.
Und genau das hat mir unfassbar viel gegeben. Mehr als manche Asana-Praxis, bei der es mehr darum ging, wie etwas aussieht, als wie es sich anfühlt.
Heute beginnt mein Tag mit einer kleinen Ausrichtung und ein paar ruhigen Minuten.
Öle unter der Dusche gehören für mich genauso dazu wie Yoga. Wenn es passt, praktiziere ich vormittags Asana. Tagsüber bewege ich immer wieder die Lymphe, dehne mich zwischendurch, gehe spazieren oder nehme mir ein paar Minuten für Atmung oder Meditation.
Abends braucht mein Körper keine Leistung mehr. Er braucht Ruhe.
Deshalb gibt es jeden Abend eine Körperentspannung. Mein System weiß inzwischen genau, was das bedeutet:
Jetzt darf heruntergefahren werden, jetzt beginnt Regeneration.
Wenn ich heute Power-Yoga-Kurse um 20 Uhr sehe, schlägt mein Nervensystem schon beim Lesen Alarm. Natürlich fühlt sich das erstmal nach Energie an. Der Körper wird hochgefahren, gepusht, aktiviert. Aber viele wundern sich später, warum sie nachts wachliegen und innerlich nicht mehr runterkommen.
Wir leben sowieso schon in einem permanent aktivierten Zustand, nicht jeder Abend braucht noch mehr Spannung.
Und auch mein Zyklus verändert meine Praxis bis heute. Während meiner Blutung brauche ich oft Ruhe und Rückzug. Ich verwöhne meinen Körper dann gern mit einer Yin Praxis. Kurz vor dem Eisprung entsteht dagegen oft ganz natürlich Lust auf Kraft, Bewegung und Vinyasa.
Was ich in meinen Kursen über die Jahre immer wieder beobachtet habe?
Menschen sagen Kurse ab, weil sie „Rücken“ haben. Dabei fällt mir kaum etwas Sinnvolleres als Yoga ein, wenn man „Rücken“ hat. Vermutlich steckt hinter solchen Aussagen aber eigentlich etwas anderes:
„Ich bin erschöpft.“
„Ich fühle mich heute nicht gut.“
„Ich möchte heute niemanden mehr sehen.“
Ich wünsche mir, dass wir mit uns selbst und auch nach außen ehrlicher mit unseren Bedürfnissen umgehen dürfen ohne uns erklären zu müssen und ohne erst krank genug sein zu müssen, um schwach sein zu dürfen.
Ich wünsche mir, dass wir die Chance erkennen, genau hier besonders achtsam bei uns anzukommen.
Was brauche ich jetzt wirklich? Und wie kann ich mir dieses Bedürfnis erfüllen?
Manchmal ist es totaler Rückzug mit Schokolade und einem schnulzigen Film, bei dem man mal so richtig abflennen kann. Ein anderes Mal ist es die Asana-Klasse — aber mit bewusst eingesetzten Hilfsmitteln, um den Körper zu unterstützen, statt einfach weiter „durchzuziehen“, wie den ganzen Tag schon.
Und manchmal ist es die Atemübung oder Meditation in einem geschützten Raum im eigenen Zuhause.
Unterstützung, Ruhe und Rückzug sind nichts, das man sich erst verdienen oder begründen müsste.
Aber vielleicht ist genau die Prägung der Grund, warum so viele Menschen glauben, Yoga wäre „nichts für sie“.
„Ich bin zu unbeweglich.“ „Zu unruhig.“ „Zu verspannt.“ „Zu müde.“
Dabei geht es doch gar nicht darum, an jedem Tag dieselbe Praxis zu machen oder immer die leistungsstärkste Version von uns selbst auf die Matte zu bringen.
Vielleicht ist heute gar kein Flow dran.
Vielleicht braucht dein Nervensystem gerade eher Ruhe als Aktivierung.
Vielleicht reichen heute schon zehn bewusste Minuten, eine Atemübung, Yin Yoga oder einfach ein Ort, an dem du kurz bei dir ankommen kannst, bei dem du nur du sein darfst.
Genau deshalb habe ich mein Online Studio so aufgebaut, dass du nicht erst „fit genug“ oder „motiviert genug“ sein musst.
Es gibt ruhige Einheiten, Atemübungen, Meditationen, stärkende Flows und kleine Praktiken für unterschiedliche Tage, Stimmungen und Energielevel.
Nicht jeder Tag braucht dieselbe Praxis.
Aber vielleicht braucht jeder Tag einen kleinen Moment Verbindung mit uns selbst.